Er ist der "ewige Co-Trainer": Michael Henke (68)
Er ist der "ewige co-trainer": michael henke (68)
Der gebürtige Westfale feierte an der Seite von Trainer-Gigant Ottmar Hitzfeld (769 große Erfolge, holte mit Borussia Dortmund (1997) und Bayern München (2001) die Champions League. Mehr zum Thema:
Spanier berichten: Ter Stegen trifft überraschende Transfer-Entscheidung
Marc-André ter Stegen will den FC Barcelona im Winter offenbar nicht verlassen.
Beim 5:0 in Lettland: England-Fans machen sich über Tuchel lustig
5:0 in Lettland gewonnen, WM-Quali im Sack – Thomas Tuchel hatte jeden Grund, über das ganze Gesicht zu strahlen.
Vor dem nächsten deutschen Klassiker am Samstag (18.30 Uhr/Sky) verrät Henke im BILD-Interview, warum der Rekordmeister trotz seiner Dominanz seit Jahren eine große Gefahr in den Dortmundern sieht, mit welchem Trick Klub-Patron Uli Hoeneß (73) früher sein Team vor den BVB-Spielen motivierte, und warum er glaubt, dass ein Sieg die Kovac-Elf vor Schwierigkeiten stellen könnte.
BILD: Herr Henke, ist das Spiel zwischen Bayern und Dortmund eigentlich wirklich noch das größte im deutschen Fußball?
Michael Henke: Ja. Zuletzt war sportlich zwar Leverkusen der größte Rivale der Bayern, weil der BVB viel zu inkonstant war, um dauerhaft mitzuhalten. Aber die meiste Angst haben die Bayern und auch Uli Hoeneß noch immer vor Dortmund. Denn zu unserer Zeit dort und später mit Jürgen Klopp hat sich gezeigt, welche Wucht sich entwickeln kann, wenn diese Maschine mit all ihren Fans ins Rollen kommt. Das könnte dann der Vormachtstellung der Bayern gefährlich werden. Diese Power hat weder Leverkusen noch Leipzig – auch, wenn sie mit ihren großen finanziellen Mitteln gute Arbeit leisten.
Wie hat sich diese Angst zu Ihrer Zeit in München geäußert?
Uli, der damals noch Manager war, hat vor Spielen gegen den BVB oft eine doppelte Prämie ausgelobt. Bei den heutigen Millionen-Gehältern hätte es wohl kaum einen Effekt mehr, mit 20.000 Euro extra zu locken. Bei Bayern funktioniert das heutzutage wahrscheinlich eher mit freien Tagen als Belohnung. Früher waren Prämien für die Spieler aber eine echte Motivation, weil sie noch viel weniger verdient haben. Das machte die Bedeutung des Spiels und die Rivalität noch mal besonders deutlich.
Legenden-Trio: Michael Henke zwischen Uli Hoeneß (l.) und Trainer-Ikone Ottmar Hitzfeld (r.)
Trotz dieser Rivalität sind Hitzfeld und Sie nach großen Erfolgen in Dortmund 1998 nach München gewechselt …
Dazu wäre es um ein Haar gar nicht gekommen. Denn wir hatten zuvor, direkt nach dem Gewinn der Champions League 1997, auch ein Angebot von Real Madrid. Ich war Feuer und Flamme! Aber Ottmar war damals müde vom Trainer-Job. Deswegen nahm er erstmal den Posten des Sportdirektors an, der ihm in Dortmund angeboten wurde. Ein Jahr später kam dann die Anfrage aus München, die wir angenommen haben. Einfach war das für mich aber nicht.
Wieso? Ich komme ja aus Nordrhein-Westfalen und hatte nach all den Jahren beim BVB eine enge Bindung zum Klub. Meine Kinder haben sogar in Dortmund-Bettwäsche geschlafen. Wir haben uns aus Ehrgeiz trotzdem für den Wechsel entschieden, weil wir wussten, dass wir in München Großes erreichen können würden. Bayern war und ist auch heute noch einfach der nächste und größtmögliche Schritt in Deutschland.
Gibt es eigentlich große Unterschiede zwischen beiden Vereinen?
Aus Sicht eines Trainerteams ist der größte Unterschied sicher, dass bei Bayern viel mehr große Namen mitreden wie auch heute noch Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge. Zu unserer Zeit kam auch noch Franz Beckenbauer dazu. Da kommt es natürlich zu besonders vielen Diskussionen – nicht nur medial, sondern auch intern. Das war für Ottmar und mich eine neue Herausforderung, weil in Dortmund alles in einem viel kleineren Kreis besprochen wurde.
Speziell die Einflussnahme von Hoeneß wird inzwischen kontrovers diskutiert. Wie haben Sie das erlebt?
Früher war Uli ja noch viel näher am Team! Bei Spielen saß er auf der Bank, er fuhr im Mannschaftsbus mit und saß beim Essen mittendrin. Natürlich hat er da immer seine Meinung gesagt, wenn nötig richtig emotional diskutiert und am Ende auch mal ein Machtwort gesprochen – er war damals ja ganz offiziell der Boss. Wir sind aber gut damit zurechtgekommen.
Diaz vs. Tah: Bei dieser Challenge wird es emotional
Wie hat das geklappt?
Es gab aus meiner Sicht mehrere Schlüssel: Wir Trainer haben auf die öffentlichen Äußerungen der Oberen nie groß in der Presse reagiert, sondern wenn überhaupt nur intern darüber gesprochen. Das war dann auch gut, weil ein enger Austausch mit dem Chef immer hilft – erst recht, wenn es Ratschläge von Uli sind. Er will nämlich immer das Beste für seinen FC Bayern. Es war aber auch wichtig, dass Uli unsere Autorität als Trainer vor den Spielern nicht infrage gestellt hat. Er hat keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass Ottmar in sportlichen Fragen oder auch bei Geldstrafen der Entscheider war.
Beim aktuellen Trainer Vincent Kompany sieht das ähnlich aus.
Mir gefällt es richtig gut, was Kompany bislang macht. Er hat nicht nur Fleiß und Gier in die Mannschaft gebracht, die jetzt viel mehr läuft und kämpft als in den vergangenen Jahren. Kompany strahlt zudem eine große Ruhe aus, die dem gesamten Verein guttut. Das hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass er eine Sache ganz anders macht als Tuchel und auch Nagelsmann.
Und zwar?
Er konzentriert sich nur auf seinen Job als Trainer, mischt sich ansonsten zumindest öffentlich nirgends ein. Und er lässt die Spieler wieder im Mittelpunkt stehen. Die Jungs mögen das. Sie wollen die Stars sein. Unter Tuchel und Nagelsmann wurde schon sehr oft über den Trainer gesprochen. Es wirkte fast, als seien sie allein für Siege und Niederlagen verantwortlich. Das ist jetzt wieder anders. Das motiviert die Spieler und macht, dass sie mehr Verantwortung übernehmen.
Die Bayern haben ihre ersten 10 Saisonspiele alle gewonnen. Halten Sie eine Meisterschaft ohne Niederlage für möglich?
Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn die Bayern nämlich wie üblich in allen Wettbewerben bis zum Schluss um den Titel mitspielen, werden sie rotieren müssen. Und ihr Kader hat in der Spitze zwar riesige Qualität, aber ich denke nicht, dass er breit genug ist, um immer wieder durchzuwechseln, ohne dabei ein einziges Liga-Spiel zu verlieren. Dazu kommt ja immer noch die Gefahr, dass sich Schlüsselspieler verletzen, die nicht so gut ersetzt werden können, wie aktuell Musiala oder Davies. Es müsste also schon alles zusammenkommen, damit sie ungeschlagen Meister werden.
Wie hoch sehen Sie denn die Sieg-Chancen des BVB am Samstag?
Bayern ist für mich in der aktuellen Form der Favorit. Aber Niko Kovač hat die Dortmunder so stabilisiert, dass sie an einem guten Tag Punkte holen können. Er hat die Mannschaft nicht nur fit gemacht, er hat ihr auch klare Anweisungen gegeben. Ich glaube, seine Strenge hat den Spielern wieder die Sicherheit gegeben, die zuletzt verloren gegangen war. Sollte der BVB in München tatsächlich gewinnen, sehe ich allerdings eine Gefahr.
Welche?
Dass manche Spieler nach einem Sieg die harte Arbeit wieder etwas schleifen lassen, weil sie sich in der Tabelle auf Augenhöhe mit den Bayern sehen. Das wäre ein Riesenfehler! Die Wahrheit ist nämlich, dass die Bayern nicht nur eine höhere individuelle Qualität haben, sondern auch in ihrer spielerischen Entwicklung als Mannschaft weiter sind als der BVB. Daran wird auch das Spiel am Samstag nichts ändern. Bei einem Sieg hätte Niko die schwere Aufgabe, seinem Team trotz eines sehr guten Liga-Starts einzuimpfen, dass es weiter genauso hart arbeiten muss wie bisher. Das ist seinen Vorgängern zuletzt oft nicht gelungen. Wenn er das schafft, kann das Spiel gegen Bayern auch ein positiver Knackpunkt sein – nicht, weil Bayern dann einbricht, sondern weil der BVB dann endlich wieder Konstanz zeigen würde. Und nur so kann es einen spannenden Meisterkampf geben.