allgemein

Die Stimme des Straßenfußballs: Steven Kodra will den Bolzplatz zurückbringen

Steven kodra: ein baller im straßenfußball

Steven Kodra (28) will den Straßenfußball zurückbringen. Mit seiner "Bolzplatz-Tour" begeistert er tausende Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland. Im SPORT BILD-Interview spricht Kodra über den Lifestyle eines "Ballers" und warum der Fußball in Deutschland zu viel System hat.

Was bedeutet es, ein baller zu sein?

Was bedeutet es, ein baller zu sein?

Steven Kodra: Du kannst ballen, auch wenn du kein Fußballer bist – wenn du Basketball spielst, wenn du auf der Straße kickst. Baller zu sein, ist am Ende ein Lifestyle.

Der lifestyle eines ballers

Der lifestyle eines ballers

Kids vom Block, die cool drauf sind, lässig sind und einen eigenen Flair haben. Kinder der Straße passen sich an wie ein Chamäleon. Du warst immer ein bisschen anders als die anderen – und genau das macht dich zum Baller.

Ergebnis vs. show

Ergebnis vs. show

SPORT BILD: Geht es einem Baller weniger ums Ergebnis, mehr um die eigene Show? Kodra: Nein, das Ergebnis steht immer an erster Stelle. Auf dem Bolzplatz haben wir früher gelernt, überhaupt gewinnen zu wollen. Ich glaube, jeder Straßenfußballer kennt das: Du spielst so lange, bis du ein Spiel gewonnen hast – erst dann kannst du schlafen. Das ist diese Straßenfußballer-Mentalität. Du bleibst, bis die Sonne untergeht.

Unterschiede zwischen straßenfußballern und vereinsfußballern

Unterschiede zwischen straßenfußballern und vereinsfußballern

SPORT BILD: Was unterscheidet einen Straßenfußballer von einem leistungsorientierten Vereinsfußballer? Kodra: Der Flair. Auf der Straße lernst du Tricks, wie einen Okocha oder Übersteiger. Du probierst Dinge einfach aus – wenn’s nicht klappt, machst du’s nochmal, einfach so lange, bis es klappt. Straßenfußballer sind stur, mutig, befreit. Sie sind das, was viele einen Unterschiedsspieler nennen.

Vorgaben in vereinen

Vorgaben in vereinen

SPORT BILD: Sind die Vorgaben in Vereinen zu starr? Kodra: Das hängt vom Trainer ab. Es gibt welche, die feiern diesen Stil – und andere gar nicht. Manche lassen dich am Wochenende nicht spielen, wenn du im Training mal einen Trick versuchst. Ich respektiere das zwar, weil jeder Trainer seine eigene Idee hat. Aber genau das wurde mir auch zum Verhängnis.

Weniger straßenfußballer im profibereich

Weniger straßenfußballer im profibereich

SPORT BILD: Warum gibt es heute so wenige Straßenfußballer im Profibereich? Kodra: Weil Deutschland zu viel System hat – vor allem in den NLZs. Alles muss eine Struktur haben. In Deutschland werden die Baller, wenn überhaupt, aus dem Ausland in die Bundesliga geholt, aber denen, die es in Deutschland gibt, wird überhaupt keine Chance gegeben. Die haben meistens schon in ihrer Jugend verloren, weil sie bei uns aussortiert werden und kein Vertrauen bekommen.

Was müssen die vereine ändern?

SPORT BILD: Was müssten die Vereine anders machen? Kodra: Straßenfußballern mehr Zeit geben. In den NLZs gibt es ein Schablonensystem. Alles muss in die Form passen, alles, was darüber hinausgeht, ist zu viel. Aber wer auf der Straße gelernt hat, hat eine andere Mentalität – der hat die Schule des Lebens hinter sich und lässt sich vielleicht auch nicht so gerne was sagen.

Zukunft der bolzplatz-tour

SPORT BILD: Wird in NLZs zu wenig über den Tellerrand geschaut? Kodra: Total. Ich habe einen kleinen Bruder, der im NLZ war – Bochum und Dortmund. Der Druck dort ist extrem. Schule, Training, Hausaufgaben im Auto – die haben im jungen Alter schon so viel Stress, da bleibt einfach keine Zeit, befreit aufzuspielen.

Der beste straßenfußballer deutschlands

SPORT BILD: Wer ist für Sie der beste Straßenfußballer Deutschlands? Kodra: Kevin-Prince Boateng. Seine Mentalität ist besonders, er ist ein echter Straßenfußballer. Auch Musiala und Wirtz – man sieht, die waren oft auf dem Bolzplatz. Die spielen mutig.

Erfahrungen im profifußball

SPORT BILD: Sie haben selbst versucht, im Profifußball Fuß zu fassen. Wie war die Zeit in Albanien? Kodra: Ich bin 2021 mitten in der Corona-Zeit mit einem One-Way-Ticket nach Albanien geflogen. Vorher habe ich Pizza ausgeliefert, Oberliga gespielt, es bei Regionalligisten probiert. Dann kam der Lockdown und hat den Amateurfußball in Deutschland auf Eis gelegt – also bin ich los. Wurde dort genommen, aber hatte Pech: Leistenbruch, Meniskus, Kreuzband. Am Ende sollte es wohl so sein – sonst säße ich heute nicht hier.

Die bolzplatz-tour

SPORT BILD: Was genau ist Ihre Bolzplatz-Tour? Kodra: Das ist mein Baby. Ich war eines Tages auf dem Bolzplatz, und keiner war da. Das tat weh – früher musstest du dich drum streiten, wer spielen darf. Also habe ich auf TikTok und Instagram einen Aufruf gestartet: Kommt nächste Woche zum Bolzplatz in Hamm! Ich war mir noch unsicher, ob das funktioniert. Aber ein Freund hat mir gesagt: Selbst wenn nur 10 Leute kommen, kommen 10 mehr als heute. Am Ende waren es 3000. Ich war wie in Trance, der Bolzplatz hat wieder gelebt. Seitdem waren wir noch in Essen und Frankfurt – nächstes Jahr geht’s weiter, auch in kleineren Städten. Sogar Eltern schreiben mir, und bedanken sich, dass ihre Kinder wieder draußen spielen.

Ein tag bei der bolzplatz-tour

SPORT BILD: Wie läuft so ein Tag ab? Kodra: Ganz einfach: Kein Preisgeld, kein Pokal. Der Gewinner bleibt drauf, wie früher. Bei uns gab es früher auch nichts zu gewinnen außer das Spiel. Es geht nur um Spaß und Leidenschaft. Die Leute sollen kommen, weil sie den Sport lieben. Mein Ziel ist, die Stimme des Straßenfußballs zu werden.

Erfolge und herausforderungen

SPORT BILD: In den letzten zwei Jahren ging es bei Ihnen rasant bergauf. Wie gehen Sie damit um? Kodra: Es wird alles komplizierter. Ich spreche auch schon mit meinem Verein darüber, dass es bei mir schwierig wird nächste Saison. Ich stehe an einem Punkt, wo ich mich entscheiden muss: Spielerkarriere oder die Kinder beim Straßenfußball. Mein Glaube gibt mir Kraft, meine Freunde und Familie sind immer da. Es ist aber schöner Stress – wenn du siehst, wie glücklich die Kinder sind.

Botschaft an junge spieler

SPORT BILD: Welche Botschaft würden Sie jungen Spielern mitgeben? Kodra: Den Mutigen gehört die Welt – auf und neben dem Platz. Traut euch, probiert Dinge aus, geht raus und genießt die Zeit. Chillt nicht zu viel am Handy – das raubt euch nur Zeit. Ich bin früher mit blutigen Knien zur Schule gegangen, weil ich den ganzen Tag auf dem Bolzplatz war. Wo siehst du das denn noch heute …